Zink auf Vierjahreshoch: Warum der Rohstoff trotz weltweitem Überschuss plötzlich knapp wird

Zink auf Vierjahreshoch: Warum der Rohstoff trotz weltweitem Überschuss plötzlich knapp wird

Veröffentlicht:

Mittwoch, 16.09.2026
von Red. LF

Gold, Silber und Kupfer stehen regelmäßig im Rampenlicht der Rohstoffmärkte. Doch derzeit sorgt ein Industriemetall für eine bemerkenswerte Entwicklung, das viele Anleger deutlich weniger beachten: Zink.

Der Zinkpreis ist an der London Metal Exchange (LME) auf den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren gestiegen. Anfang September übersprang der Preis zeitweise die Marke von 4.000 US-Dollar je Tonne. Das Überraschende daran: Auf dem Weltmarkt wurde zuletzt nicht grundsätzlich zu wenig raffiniertes Zink produziert. Für das erste Halbjahr 2026 weisen Marktdaten sogar einen Überschuss aus.

Wie kann ein Rohstoff kräftig teurer werden, obwohl rechnerisch mehr davon vorhanden ist, als verbraucht wird?

Die Antwort liegt vor allem darin, wo sich das verfügbare Zink befindet.

Zinkpreis schießt über 4.000 Dollar

Die jüngste Preisbewegung ist beachtlich. LME-Marktdaten zeigen für den 9. September einen Cash-Settlement-Preis von 4.186 US-Dollar je Tonne. Am 10. September waren es noch 4.105 Dollar und am 11. September 4.015 Dollar.

Damit bewegt sich Zink auf einem Niveau, das der Markt seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Gegenüber dem Tief Mitte 2025 ist die Entwicklung noch eindrucksvoller. Damals lag Zink zeitweise bei ungefähr 2.650 Dollar je Tonne. Seitdem hat der Rohstoff erheblich an Wert gewonnen.

Doch hinter der Rallye steckt keine einfache Geschichte von weltweit fehlendem Zink.

Eigentlich gibt es einen Überschuss

Genau hier beginnt das Rätsel.

Die jüngsten Daten für das erste Halbjahr 2026 zeigen einen Überschuss von rund 120.000 Tonnen raffiniertem Zink. Auf dem Papier müsste ein solches zusätzliches Angebot eigentlich gegen stark steigende Preise sprechen.

Doch die globale Gesamtmenge sagt bei Industriemetallen nur einen Teil der Wahrheit.

Denn Zink kann weltweit ausreichend vorhanden sein und gleichzeitig an bestimmten Handelsplätzen knapp werden.

Genau das scheint derzeit eine entscheidende Rolle zu spielen.

Das Problem: Viel Zink liegt in China

Ein erheblicher Teil des verfügbaren Metalls befindet sich in China. Für Abnehmer in Europa oder anderen Regionen ist dieses Zink nicht automatisch sofort verfügbar.

Das Metall muss exportiert, transportiert und gegebenenfalls in die entsprechenden Lager- und Handelssysteme eingebracht werden.

Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Situation: Global betrachtet gibt es genügend beziehungsweise sogar überschüssiges Zink – regional kann der physische Markt trotzdem angespannt sein.

Für den Preis an der London Metal Exchange ist jedoch entscheidend, welches Material tatsächlich für diesen Markt verfügbar ist.

Lagerbestände außerhalb Chinas unter Druck

Die Entwicklung der Lagerbestände zeigt, wie angespannt die Lage zeitweise geworden ist.

Ende August wurde berichtet, dass die Zinkbestände in den LME-Lagerhäusern gegenüber Dezember 2024 massiv zurückgegangen waren. Gleichzeitig wurde kurzfristig verfügbares Metall zeitweise deutlich höher bewertet als Zink mit späterem Liefertermin.

Solche Preisunterschiede sind an Rohstoffbörsen ein wichtiges Signal.

Wenn Käufer bereit sind, für sofort verfügbares Metall einen deutlichen Aufschlag zu bezahlen, deutet das darauf hin, dass physische Ware kurzfristig besonders gefragt ist.

Damit wird verständlich, warum der Zinkpreis steigen kann, obwohl die globale Statistik einen Überschuss ausweist.

Auch die Minen bereiten Sorgen

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Bei der Förderung von Zinkerz entwickelte sich das Angebot schwächer als erwartet.

Die weltweite Minenproduktion ging im ersten Halbjahr 2026 nach aktuellen Marktanalysen um 2,6 Prozent zurück. Rückgänge wurden unter anderem aus Peru, Schweden und den USA gemeldet.

Auch einzelne große Produzenten hatten mit geringerer Förderung zu kämpfen.

Damit entsteht eine zweite Ebene der Knappheit.

Denn zwischen einer Zinkmine und einer Tonne raffiniertem Zink liegt ein entscheidender Produktionsschritt: Das geförderte Zinkkonzentrat muss zunächst von Hütten verarbeitet werden.

Wird das Konzentrat knapp, können die Raffinerien nicht unbegrenzt zusätzliches Metall produzieren.

Warum Zink für die Wirtschaft so wichtig ist

Zink gehört zu den klassischen Industriemetallen. Seine größte Bedeutung liegt im Korrosionsschutz.

Ein großer Teil des weltweit verbrauchten Zinks wird zum Verzinken von Stahl eingesetzt. Dabei erhält Stahl eine Zinkschicht, die ihn vor Rost schützt.

Deshalb steckt Zink indirekt in zahlreichen Produkten und Bauwerken:

in Autos, Gebäuden und Brücken ebenso wie in Leitplanken, Stromnetzen, Industrieanlagen und Teilen der Energieinfrastruktur.

Anders als Gold wird Zink also nicht hauptsächlich als Wertaufbewahrungsmittel gekauft. Der Rohstoff wird in der realen Wirtschaft verarbeitet und verbraucht.

Damit hängt seine Nachfrage stark von Industrie, Bauwirtschaft, Infrastrukturinvestitionen und Fahrzeugproduktion ab.

China könnte den Markt wieder entspannen

Die hohen Preise haben allerdings bereits einen Mechanismus in Gang gesetzt, der die Knappheit abschwächen könnte.

China exportiert mehr Zink. Dadurch kann zusätzliches Metall auf die internationalen Märkte gelangen.

Genau diese Aussicht sorgte zuletzt bereits für Bewegung beim Preis. Nachdem Zink am 9. September noch ein Mehrjahreshoch erreicht hatte, fiel der LME-Preis am folgenden Tag zeitweise deutlich zurück. Marktbeobachter verwiesen unter anderem auf Erwartungen steigender chinesischer Exporte.

Das zeigt, wie schnell sich die Situation verändern kann.

Wenn größere Mengen chinesischen Zinks in LME-Lager gelangen, könnte sich die momentan angespannte Verfügbarkeit außerhalb Chinas verbessern.

Ein Überschuss schützt nicht automatisch vor steigenden Preisen

Die aktuelle Entwicklung liefert damit ein Lehrstück darüber, wie Rohstoffmärkte tatsächlich funktionieren.

Die einfache Rechnung

Produktion größer als Verbrauch = fallender Preis

greift zu kurz.

Entscheidend ist nicht nur, wie viele Tonnen eines Rohstoffs weltweit existieren. Wichtig ist ebenso, wo diese Mengen liegen, in welcher Form sie verfügbar sind und wie schnell sie zu den Verbrauchern gelangen können.

Ein Überschuss von 100.000 Tonnen in China hilft einem europäischen Abnehmer wenig, wenn dieses Metall kurzfristig nicht auf dem europäischen Markt verfügbar ist.

Transportkosten, Handelsströme, Lagerbestände und die Struktur der Terminmärkte können deshalb ebenso entscheidend sein wie die globale Produktionsmenge.

Für Anleger bleibt Zink ein spekulativer Sachwert

Die Rallye dürfte Zink auch für Rohstoffanleger interessanter machen. Allerdings unterscheidet sich das Metall fundamental von klassischen Sachwerten wie Gold.

Der Zinkpreis hängt stark von der industriellen Nachfrage und der weltweiten Konjunktur ab. Schwächt sich beispielsweise die Bau-, Automobil- oder Industrieproduktion deutlich ab, kann dies die Nachfrage belasten.

Gleichzeitig könnte eine Normalisierung der chinesischen Exporte den derzeitigen Angebotsdruck außerhalb Chinas reduzieren.

Das Vierjahreshoch bedeutet deshalb keineswegs, dass Zink zwangsläufig weiter steigen wird.

Der unsichtbare Rohstoff wird plötzlich sichtbar

Zink ist für Verbraucher weitgehend unsichtbar. Kaum jemand kauft direkt Zink, und nur selten wird über das Metall gesprochen.

Für die moderne Industrie ist es trotzdem unverzichtbar.

Gerade deshalb ist die aktuelle Preisentwicklung bemerkenswert. Während die globale Statistik einen Überschuss signalisiert, kämpfen einzelne Regionen mit knappen Beständen. Gleichzeitig enttäuscht die Minenproduktion, und chinesische Exporte werden zu einem entscheidenden Faktor für die weitere Entwicklung.

Der Zinkmarkt zeigt damit eindrucksvoll, dass bei Rohstoffen nicht nur die Frage zählt, wie viel vorhanden ist.

Mindestens ebenso wichtig ist die Frage: Wo liegt das Metall – und kommt es rechtzeitig dorthin, wo es gebraucht wird?

Genau dieser Unterschied hat Zink innerhalb kurzer Zeit auf ein Vierjahreshoch getrieben.

Die Zeitung für Anleger in Sachwerte
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