Schwefelsäure als Preistreiber für Silber

Schwefelsäure als Preistreiber für Silber

Veröffentlicht:

Dienstag, 02.06.2026
von redakteur_u

Die Preise für Anlagemetalle entstehen aufgrund vieler Einflüsse wie Inflations- und Zinserwartungen, Angebotsverknappung, dem Anstieg der Energiepreise oder anderen. Oft ist gar nicht bekannt, welche Bedeutung irgendein Hilfsstoff für das Minenangebot und damit für die künftigen Preise eines bestimmten Edelmetalls hat. In diesem Fall lohnt sich ein Blick auf Schwefelsäure, denn deren Verfügbarkeit ist in jüngster Zeit dramatisch zurückgegangen. Die Versorgungslage bei Schwefelsäure hat sich im Jahr 2026 massiv verschärft. Während die globale Nachfrage – getrieben durch die Düngemittelproduktion und den Bergbau (Lithium, Kupfer, Nickel) – stetig steigt, ist das frei verfügbare Angebot auf dem Weltmarkt eingebrochen.

Das Angebot ist derzeit durch zwei Hauptfaktoren extrem limitiert: Geopolitische Spannungen im Nahen Osten, insbesondere Konflikte im Umfeld des Irans und Störungen im Bereich der Straße von Hormus, haben die globale Schwefel-Lieferkette unterbrochen. Da etwa ein Drittel des weltweiten Schwefels aus dieser Region stammt, fehlt vielen Werken das Ausgangsmaterial für die Säureproduktion. Hinzu kommt eine strukturelle Verknappung: Viele ältere Produktionsstätten in Europa und Nordamerika wurden aufgrund strengerer Umweltauflagen stillgelegt oder befinden sich im Umbau, was die Pufferkapazitäten verringert hat.

China, der weltweit wichtigste Akteur auf diesem Markt, hat seine Strategie im Frühjahr 2026 grundlegend geändert: Die chinesische Regierung hat Berichten zufolge einen Exportstopp für Schwefelsäure verhängt, der von Mai bis Ende 2026 gilt. Betroffen ist vor allem die als Nebenprodukt bei der Kupfer- und Zinkverhüttung anfallende Säure. Das Ziel ist, die eigene Industrie und Landwirtschaft (Düngemittel) vor den globalen Preissteigerungen und Versorgungsengpässen zu schützen. Da die Inlandspreise in China Anfang 2026 stark gestiegen sind, ist der Verkauf im eigenen Land für chinesische Unternehmen attraktiver als der Export. Lediglich hochspezialisierte Produkte, wie etwa elektroniktaugliche Schwefelsäure für die Halbleiterindustrie, sind teilweise von diesen Beschränkungen ausgenommen.

Die Folgen für das Silberangebot liegen auf der Hand, allerdings über den gedanklichen Umweg über die Kupferproduktion: Länder wie Chile, die massiv auf chinesische Importe angewiesen sind, kämpfen mit explodierenden Preisen. Da Schwefelsäure für die Gewinnung von Kupfer ist, drohen hier Produktionsausfälle, was wiederum die globale Energiewende (E-Autos, Stromnetze) verteuert. Da chinesische Schmelzhütten Schwefelsäure als Nebenprodukt ihrer eigenen Produktion verkaufen, entfällt durch Exportstopps ein wichtiger globaler Lieferstrom für Minen in Regionen wie Chile.

Ein Rückgang des Schwefelsäureangebots hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Silberproduktion, da Silber zu etwa 70 % als Beiprodukt im Basismetallbergbau (vor allem Kupfer) gewonnen wird. Schwefelsäure ist eine unverzichtbare Komponente bei der Gewinnung von Kupfer aus Oxid-Erzen durch das sogenannte Laugen-Verfahren (SX-EW). Für die Produktion einer Tonne Kupfer werden etwa 1,5 bis 2 Tonnen Schwefelsäure benötigt. Wenn Minen aufgrund von Säuremangel oder extrem hohen Preisen ihre Kupferförderung drosseln, sinkt automatisch auch die Menge an Silber, das während der Erzverarbeitung als Beimetall anfällt. Die Säureverknappung hat auch Auswirkungen auf Kupferhütten (Smelter): Ein Großteil des weltweit gehandelten Silbers stammt aus der Elektrolyse von Kupfer-Anodenschlamm in Schmelzhütten.

Analytiker schätzen, daß allein in Chile bei anhaltendem Säuremangel über eine Million Tonnen der jährlichen Kupferkapazität gefährdet sind, was das globale Silberangebot empfindlich verknappen würde.

Die Preisentwicklung von Silber im Jahr 2026 ist durch eine extreme Dynamik geprägt, bei der der Schwefelsäuremangel als massiver „Angebotsschock“ wirkt. Der angekündigte Exportstopp Chinas für Schwefelsäure ab Mai 2026 könnte den Silberpreis beflügeln: 2026 wird das sechste Jahr in Folge mit einem physischen Silberdefizit (prognostiziert ca. 46,3 Mio. Unzen). Der Säuremangel verschärft diese Verknappung, da Minen in Chile (Hauptimporteur chinesischer Säure) ihre Kapazitäten nicht voll nutzen können. Da Silberpreise allein keine neuen Kupferminen „erzwingen“ können, bleibt das Angebot unelastisch. Selbst bei Preisen über 80 US$ kann die Förderung nicht kurzfristig hochgefahren werden, wenn die Schwefelsäure fehlt.

Einige Finanzautoren und Fondmanager erwarten Silberpreise zwischen 100 und 133 US$ noch innerhalb des Jahres 2026, sofern die industrielle Nachfrage (Solartechnik, Elektrofahrzeuge und Künstliche Intelligenz) stabil bleibt.