Angesichts der parabolischen Preiszunahmen bei verschiedenen Anlagerohstoffen ist nun auch wieder vor den Buchgewinnen die Rede. Erst wenn diese zu echten Gewinnen verwandelt werden, so die Regel, hat man die Gewinne wirklich in der Tasche.
Da die extremen Kursentwicklungen – insbesondere bei Silber und Platin – die Sicherung der erzielten Gewinne angeraten erscheinen lassen, ist es sehr wichtig, die Begriffe Buchgewinn und Gewinnrealisierung neu zu durchdenken und abzuwägen. Entscheidend ist nämlich, was dabei als Referenzwert dient.
Üblicherweise verwendet man das gesetzliche Zahlungsmittel (in unserem Fall den Euro oder Schweizer Franken) als Referenzwert und setzt den Wert der Anlagen hierzu in Relation. Dann sagt man beispielsweise: „Die Unze Silber ist jetzt 110 Dollar wert“ oder „Die Unze Gold steht bei 5.000 Dollar“. Das Problem dabei besteht im fortschreitenden Kaufkraftverlust der zugrundeliegenden Referenzwährung, und das betrifft alle ungedeckten Währungen weltweit („Fiat-Geld“). Der Effekt ist vergleichbar mit dem Nagel, den man in einem Baum schlägt, um die Größe seines Kindes zu markieren: Ein Jahr später ist das Kind zwar größer, der Baum aber ebenfalls. Der Referenzpunkt funktioniert daher nicht.
Viele Edelmetallanleger lehnen die Wahl von Fiatgeld als Referenzwert aus solchen prinzipiellen Erwägungen ab. Wenn man vom Kollabieren der Währungen ausgeht, was ja oft der Grund für die Anlage in Edelmetallen ist, dann sind Preise von 100, 1.000, 10.000 oder 100.000 Dollar oder Euro ohne Belang, weil sie nichts über den tatsächlichen Wert der gehaltenen Rohstoffe aussagen. Das bedeutet allerdings auch, daß auch Preischarts und die auf ihrer Grundlage entwickelten Prognosen nicht besonders aussagefähig sind.
Deshalb wird oft das gefällige, aber nicht zutreffende Beispiel vom Maßanzug bemüht, den man seit der Römerzeit (Toga) bis heute für eine Goldunze kaufen können soll. Würde das stimmen, hätten sich die guten Maßanzüge in den vergangenen Monaten und Jahren bedeutend verteuert, was nicht der Fall ist. Auch hängt der angenommene Togapreis der Römerzeit erheblich von der Qualität und Machart des Kleidungsstücks ab – ebenso wie der heutige Preis für einen guten Anzug, der sich zwischen 900 und 2.500 Euro bewegt. Das Beispiel ist daher ziemlich beliebig, es soll lediglich die stabile Funktion von Sachwerten zur Wertaufbewahrung veranschaulichen.
Wer bei seinen stark gestiegenen Rohstoffanlagen „Buchgewinne“ realisieren will, sollte sich also überlegen, auf welche Referenzgröße er sich dabei bezieht, da Sachwerte wertstabiler sind als Fiat-Geld. Der Silberpreis kann in Beziehung zum Goldpreis gesetzt werden und umgekehrt. Das würde nahelegen, jetzt von Silber zu Gold umzuschichten. Man kann auch Immobilien oder Aktienindizes als Bezugsgrößen wählen, um festzustellen, ob der Wert der Anlagen bereits sehr hoch gestiegen ist. Wer die Rohstoffe in seinem Depot als Referenzwert letzter Instanz ansieht, kann keine Buchgewinne feststellen und braucht daher keine Gewinne mitzunehmen, weil sie im Depot bereits in Sicherheit sind. Aus dieser Perspektive kommt die strategische Umschichtung in andere Anlagerohstoffe mit höheren Gewinnaussichten der Vorstellung, Gewinne mitzunehmen, noch am nächsten.

